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Ein kleiner Stich für die Menschheit

Die Gefahr durch Grippe wird unterschätzt - Impfungen können helfen, eine weltweite Epidemie zu verhindern

Eine Grippe zu haben das klingt eher harmlos. Verschnupfte in den Herbst- und Wintermonaten glauben oft, sie hätten eine. Viele setzen sie mit dem „grippalen Infekt" gleich, der eher Belästigung denn Bedrohung ist. Dabei ist die echte Grippe, die auch Influenza heißt, eine echte Gefahr. „Sie ist eine schwere, teilweise lebensbedrohliche Erkrankung", sagte Nikolaus Frühwein, Präsident der Bayerischen Gesellschaft für Immun-, Tropenmedizin und Impfwesen, beim SZ-Gesundheitsforum.

Die Influenza-Epidemie

Die großen Influenza-Pandemien des 20. Jahrhunderts waren weltweite Katastrophen. An der Hongkong-Grippe etwa starben 1968 weltweit eine Million Menschen. Der bisher schlimmste Ausbruch, die Spanische Grippe, tötete im Jahr 1918 nach Schätzungen 20 bis 50 Millionen Menschen, mehr als die Pest oder der Erste Weltkrieg.
Aber auch in normalen Jahren sterben allein in Deutschland Tausende an den Folgen einer Influenza-Infektion, schätzt das Robert-Koch-Institut. Bei einer weltweiten Epidemie drohen deutlich mehr Opfer. So kostete die letzte große Grippewelle im Winter 1995/96 hierzulande etwa 30000 Menschen das Leben.

„Im Schnitt kommt eine solche große Epidemie alle sieben Jahre", erklärte Frühwein, „aber wie es mit Statistiken so ist: Wann die nächste Epidemie kommt, weiß keiner so genau. Das ist jedes Jahr aufs Neue ein Rätsel." Dem Turnus nach wäre also bald wieder mit einer großen Grippewelle zu rechnen - und auch die wird wieder viele Opfer fordern. Dabei gäbe es einen einfachen, sicheren Weg, sich vor der Krankheit zu schützen. Spätestens zwei Wochen nach der Influenza-Impfung ist man gegen den Angriff der Grippeviren gefeit und trotzdem lassen sich nur wenige Menschen impfen. Fachleute empfehlen manchen Personenkreisen besonders dringlich eine Impfung.

Wichtig für diese Bevölkerungsgruppen

Zum Beispiel sind chronisch kranke und ältere Menschen besonders gefährdet; bei ihnen nehmen Grippeinfektionen oft einen sehr schweren Verlauf. So kann es zu Entzündungen der Lunge oder des Herzmuskels kommen. Wichtig ist der Impfschutz auch für Menschen, die im Krankenhaus arbeiten, im Gesundheitsdienst oder der Wohlfahrtspflege. Dabei ist die Impfung immer auch ein Schutz für die Umwelt: Wer sich nicht ansteckt, gibt auch kein Virus an andere weiter. Ein besonderes Interesse an der Impfung sollten auch Reisende haben. Und zwar nicht nur, weil man sich in der Fremde leichter anstecken kann, sondern auch aus Rücksicht auf andere: Wer sich eine Grippe einfangt, wird womöglich seinen Mitreisenden den Spaß verleiden. „Stellen Sie sich einmal die Situation auf einem Kreuzfahrtschiff vor", sagte Frühwein, „wenn da einer eine Influenza hat, haben sie bald alle."

SARS, Vogelgrippe & Co

Bedrohungen wie SARS oder die Vogelgrippe haben die Gesundheitsbehörden in aller Welt vorsichtig werden lassen. Wer etwa in Singapur am Flughafen mit Grippesymptomen ankomme, laufe Gefahr, erst einmal in der Quarantäne zu landen, warnte Frühwein. Schlimmstenfalls löst eine einzelne Influenza-Infektion bei einer Reise in ein asiatisches Land sogar eine weltweite Katastrophe aus. Denn bei der Begegnung mit einem Vogelgrippe-Virus kann aus der Menschengrippe eine noch gefährlichere Krankheit entstehen.

Immer wieder greift die Vogelgrippe, die derzeit in Ländern wie Thailand und Vietnam tobt, auch auf den Menschen über. Vergangene Woche musste Thailands Regierung wieder neue Todesopfer melden, insgesamt sind in Südostasien seit Jahresbeginn 30 Menschen an der Vogelseuche gestorben. Noch ist der aggressive Virustyp, der in der Region grassiert, nicht dazu in der Lage, eine Epidemie in der Bevölkerung zu verursachen: Eine Übertragung von Mensch zu Mensch wurde bislang nicht nachgewiesen, die meisten Opfer hatten eng mit infiziertem Geflügel zu tun. Doch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sich bereits ein Schreckensszenario ausgemalt: Jemand, der ein Virus der Menschen-Influenza in sich trägt, steckt sich zusätzlich mit Vogelgrippe an. Die Viren im Körper des Kranken mischen sich miteinander, sodass ein neuer Erreger entsteht. Dieser könnte so bedrohlich sein wie die Vogelgrippe und zugleich so ansteckend wie die menschliche Variante. Die Folge, fürchtet die WHO, könnte eine weltweite Epidemie mit Millionen Toten sein.

Impfung ungefährlich

Fernreisende, die sich impfen lassen, leisten also einen Beitrag dazu, die Menschheit vor einem noch aggressiveren Virus zu schützen. Weil die Impfung ungefährlich ist, möchte der Tropenmediziner Nikolaus Frühwein seine Empfehlung nicht auf die genannten Risikogruppen beschränken:„ Wir empfehlen die Impfung allen, die nicht an Grippe erkranken wollen." Und wer will das schon?


( Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr. 229 vom 2./3.Oktober 2004 )

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© Dr. med. Norbert Wagner, D-96049 Bamberg 2005