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Sarkoidose - individuell und rätselhaft

Eine seltsame Erkrankung von Haut, Lungen und anderen Organen

Die Sarkoidose gehört zu den seltenen und bis heute rätselhaften Erkrankungen. Ihre Ursache ist unbekannt. Oft wird sie mit den Synonymen Morbus Boeck (sprich: Buhk) oder Morbus Besnier, Schaumann oder Boeck bezeichnet. Dank moderner Untersuchungsverfahren, insbesondere der Bronchoskopie kann die Diagnose heute zuverlässig gestellt werden. Die Behandlung ist beobachtend bis individuell. Verlaufskontrollen sind erforderlich.
Die Sarkoidose (griech.: fleischähnlich) wurde erstmals 1889 von dem Hautarzt Ernest Besnier und 1899 von Caesar Boeck als Hauterkrankung, 1924 von Jörgen Schaumann als Erkrankung verschiedener Organsysteme beschrieben. Die akute Form der Sarkoidose wird als Löffgren-Syndrom bezeichnet. Sie kommt in 10 bis 30 Prozent aller Sarkoidosefälle vor und zeigt sich durch die typische knollige Auftreibung der Lungenwurzeln (Röntgenbild > Abb. 1) oft in Kombination mit Erythema nodosa (Knotenrose = druckschmerzhafte, anfangs rote, im Verlauf abdunkelnde, nicht geschwürige Knoten an den Streckseiten der Unterschenkel > Abb. 2) und Schmerzen, meist der Knie- oder Sprunggelenke. Die Sarkoidose ist also im eigentlichen Sinne keine Lungenkrankheit sondern eine Erkrankung, an der alle Organe des Körpers (Systemerkrankung) beteiligt sein können. Charakteristisch sind kleine, entzündlich veränderte Bindegewebsknötchen, so genannte Granulome mit verstärkter Immunität (Körperabwehr). Ihre Ursache ist unbekannt, Hinweise auf eine Ansteckungsfähigkeit haben sich bisher nicht ergeben.

 

Abb. 1: Anhand der Röntgenbefunde der Brustorgane erfolgt die zur Zeit gültige Stadieneinteilung der Sarkoidose.


In Deutschland sind ungefähr 80.000 Menschen, meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr von dieser Erkrankung betroffen.
Die Geschlechterverteilung ist nahezu ausgeglichen, wobei Frauen von der akuten Form, dem Löffgren-Syndrom, stärker betroffen sind. Wir kennen ähnliche Granulome (Pseudotumore) von anderen, meist Infektionserkrankungen, von denen die Sarkoidose aufgrund der unterschiedlichen Behandlung abgegrenzt werden muss. Die am häufigsten betroffenen Organe, neben den fast immer beteiligten Lymphknoten des Brustkorbes, sind Haut und Lunge.

Beschwerden und Diagnostik

So vielfältig die Organbeteiligung, so uncharakteristisch sind auch die Beschwerden der Betroffenen – 50 Prozent der Erkrankten haben zumindest anfangs keine. Die Übrigen klagen über unspezifischen Reizhusten, anhaltendes Druckgefühl im Brustkorb oder auch das Gefühl erschwerter Atmung. Leichte Allgemeinsymptome wie erhöhte Temperatur, Leistungsabfall, Müdigkeit und Gelenkschmerzen, oft in den Knie- oder Sprunggelenken kommen ebenso vor, wie Herzrhythmusstörungen, Sehstörungen, Hautveränderungen und Lähmungen. So ist es nicht verwunderlich, dass ein großer Teil der Betroffenen rein zufällig nach Anfertigung eines Röntgenbildes der Lunge, beispielsweise anlässlich einer Einstellungsuntersuchung, entdeckt werden. Andere haben eine Odyssee von Arztbesuchen ohne Diagnosestellung hinter sich oder ihre Beschwerden werden als „psychosomatisch” oder als „Überempfindlichkeit der Atemwege” abgestempelt. Allerdings versagen meist auch die klassischen Untersuchungsverfahren. Hört der Arzt die Lungen ab, ist das Atemgeräusch auch bei ausgeprägtem Röntgenbefund nicht krankhaft. In der Lungenfunktionsuntersuchung ist häufig unter Ruhebedingungen keine Störung feststellbar. Auch der Sauerstoffdruck im Blut zeigt unter Ruhebedingungen oft keine Störung der Sauerstoffaufnahme durch die Lunge.

Krankheitsstadien: Richtungsweisend ist deshalb der Röntgenbefund der Brustorgane. Hiernach erfolgt auch die zur Zeit gültige Stadieneinteilung für die Sarkoidose:
(Röntgen)

Stadium 0: Organsarkoidose ohne Nachweis einer Beteiligung der Brustorgane
Stadium I: beidseitige Hiluslymphknotenvergrößerung
Stadium II: Hiluslymphknotenvergrößerung und Lungengewebsbefall
Stadium III: Lungenfibrose (Erkrankung des Lungengerüstes mit Zunahme des Bindegewebes zwischen den Lungenbläschen und den Blutgefäßen der Lunge)

Das Röntgenbild kann jedoch keine Aussage zur Aktivität der Sarkoidose liefern, auch ist eine eindeutige Abgrenzung zu anderen Erkrankungen mit ähnlichem Röntgenbild nicht möglich. Die für die Diagnosesicherung aussagekräftigste Untersuchung ist die für die Patienten kaum belastende Bronchoskopie. Hiermit gelingt der Nachweis der für die Sarkoidose typischen „nicht verkäsenden” Granulome entweder aus der Schleimhaut der Atemwege (Bronchien), dem Lungengewebe oder durch die Punktion der der Luftröhre benachbarten Lymphknoten. Weiterhin wird durch eine „Waschung” der Lunge Spülflüssigkeit gewonnen, in der sich die Anzahl der Abwehrzellen (Lymphozyten) und deren Verhältnis zueinander (T- zu B-Zell-Lymphozyten) nachweisen lässt. Charakteristisch für die Sarkoidose ist ein hoher T-Zell-Anteil mit über 90 Prozent als Ausdruck der lymphozytären Alveolitis (Entzündung der Lungenbläschen).

Die Diagnose Sarkoidose ergibt sich letztendlich aus dem Zusammenspiel vom Beschwerdebild des Patienten, wobei Beschwerdefreiheit durchaus typisch sein kann, dem Röntgenbefund und der Summe der durch die Bronchoskopie gewonnenen Untersuchungsergebnisse.

Laboruntersuchungen: Krankheitstypische Laboruntersuchungen gibt es nicht. Das Angiotensin-Converting-Enzym (ACE) kann zur Verlaufsbeurteilung unter Therapie hilfreich sein. Erhöhte Kalziumspiegel im Blut oder Urin kommen nicht regelmäßig vor. Der Tuberkulintest ist häufig negativ (Anergie).

Krankheitsverlauf (Prognose): Die für den Patienten mit nachgewiesener Sarkoidose wichtigste Frage ist die nach dem weiteren Krankheitsverlauf. Aus dem röntgenologischen Stadium der Erkrankung ergeben sich vielfach Chancen auf eine spontane, also nicht durch Medikamente beeinflusste Rückbildung der Erkrankung:

Löffgren-Syndrom: 80 bis 90 Prozent Spontanheilung
Röntgen-Stadium I: 60 bis 80 Prozent Spontanheilung
Röntgen-Stadium II: 50 Prozent Spontanheilung
Röntgen-Stadium III: 25 Prozent Stillstand

Therapie: Das Löffgren-Syndrom wird mit entzündungshemmenden, kortisonfreien Mitteln behandelt, zum Beispiel Aspirin. Eine Indikation zur Kortikosteroid-Therapie ergibt sich nur selten bei zunehmenden Beschwerden oder Zunahme der Veränderungen im Röntgenbild. Die Sarkoidose im Röntgenstadium I und II kann bei unauffälliger Belastungs-Lungenfunktion und Beschwerdefreiheit bzw. nicht erkennbarem Fortschreiten der Krankheit zunächst über ein Jahr beobachtet und eine spontane Rückbildung abgewartet werden. Falls jedoch eine Behandlung erforderlich ist, sind Kortikosteroide unumstritten die sinn- und wirkungsvollste Therapie. Dies ist insbesondere bei Nachweis einer Lungenfibrose (Stadium III) oder bei zunehmenden Lungenfunktionsstörungen (meist Stadium II und III) der Fall, die auf eine Krankheitsbeteiligung des Lungengerüstes schließen lassen.

Abb. 2: Typisch für das Löffgren-Syndrom sind knotige Hautrötungen an Händen, Unterschenkeln und Füßen (Erythema nodosum)
Foto: Johanniterkrankenhaus Treuenbrietzen

Andere immunsuppressive Medikamente werden nur eingesetzt, falls eine Kontraindikation für Kortikosteroide vorliegt oder diese nicht ausreichend wirksam sind. Ein Muss der Kortison-Therapie stellen hingegen Organ-Sarkoidosen der Augen, des Herzens, der Nieren, des Nervensystems oder der Nachweis eines zu hohen Kalziumspiegels im Serum dar.

Behandlungsdauer/Dosierung: Ergebnisse von kontrollierten Langzeituntersuchungen zur Dauer und Dosierung der Sarkoidose-Therapie liegen noch nicht vor. International gebräuchlich ist die Kortikosteroid-Therapie beginnend mit 40 mg pro Tag über vier Wochen, danach in monatlich absteigender Dosierung bis im vierten Behandlungsmonat 15 mg pro Tag erreicht werden. Ab dem fünften Behandlungsmonat wird eine an den individuellen Bedarf des Patienten angepasste Erhaltungsdosis von 7,5 bis 15 mg täglich über sechs bis 24 Monate durchgeführt. Kontrolluntersuchungen des Röntgenbildes, der Lungenfunktion und des ACE-Wertes werden im Abstand von drei Monaten empfohlen.

Komplikationen: Auch wenn es meist zu einer Spontanheilung oder Rückbildung durch die Anwendung von Kortikosteroiden kommt, bleibt das größte Risiko der Sarkoidose, neben der Herz- und Augenbeteiligung, ein Übergang in die nicht rückbildungsfähige Lungenfibrose und damit die Entwicklung eines hohen Blutdruckes im Lungenkreislauf (Pulmonale Hypertonie) und die Ausbildung einer (Rechts-) Herzinsuffizienz (Cor pulmonale). Falls durch die Fibrosierung des Lungengerüstes die Sauerstoffkonzentration im Blut deutlich vermindert ist, können eine Sauerstofflangzeittherapie oder auch Lungentransplantation erforderlich werden. Daher gehören Diagnostik, Behandlung und Kontrolle der Sarkoidose in die Hand des Lungenfacharztes.


Für die Betroffenen von dieser seltsamen Krankheit kann die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe hilfreich sein. Auch Informationen über das Internet sind verfügbar:


Deutsche Sarkoidose-Vereinigung gemeinnütziger e.V.: www.sarkoidose.de

Schweizerische Sarkoidose-Vereinigung: www.sarkoidose.ch

Sarkoidose Gesprächskreis Bremen: http://homepages.compuserve.de/uwefeuln

Kompetenznetzwerk Lunge: http://www.asklepios.com/gautinglungenportal/
GautingLungenportalIndikationen/Sarkoidose/index.html

Je mehr Patienten über ihre Krankheit wissen, um so leichter fällt es ihnen, damit zu leben und die vom Arzt verordneten Therapien als Behandlungswege der Wahl für sich anzunehmen und zu befolgen. So können Komplikationen und ein Fortschreiten der Krankheit vermieden werden.


Quelle: Dr. Joachim Pettenkofer, niedergelassener Pneumologe, Berlin

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© Dr. med. Norbert Wagner, D-96049 Bamberg 2008